Meistens stellen wir euch historische mittelalterliche Dörfer vor, die unsere Region Marken so sehr prägen. Aber selbst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden neue Siedlungen. Wie Cantarino, ein Bergarbeiterdorf in der Nähe von Cabernardi. Erinnert ihr euch noch an unseren Artikel über dieses Schwefelbergwerk, das zur Gemeinde Sassoferrato gehört?
Die Geschichte von Cantarino:
Ab 1917 blühte bei Cabernardi der Schwefelbergbau. Die erheblichen Schwefelvorkommen waren im 19. und 20. Jahrhundert begehrt für die Medizin, die Lebensmittelkonservierung, die Düngemittelindustrie und auch für die Waffenproduktion (Schießpulver). Arbeiter von nah und fern strömten daher auf der Suche nach Arbeit herbei. Diese mussten natürlich irgendwo wohnen. So wurden zunächst 2 km vom Bergwerk entfernt zwei eingeschossige Reihenhäuser mit jeweils zwei Schlafzimmern gebaut. Die Gemeinschaftstoiletten befanden sich im Außenbereich. Duschen konnten die Bergleute hingegen auf dem Minengelände selbst.
Cantarino war geboren!


Mit der Ankunft der Ehefrauen und Kinder der Arbeiter kamen zu beiden Seiten der ursprünglichen Häuser weitere, höhere Gebäude hinzu. 1929 wurde das größte Gebäude errichtet, das auch Palazzo oder Cattedra genannt wurde, weil es alle anderen Häuser überragt. Hier konnten auch Feste und Veranstaltungen organisiert werden.


An einem sonnigen Wintertag fuhr meine Mitbloggerin Isabelle mit ihrem Mann Erik dorthin. In der Ferne konnten sie die Cabernardi-Mine sehen und die weite Aussicht auf die Landschaft geniessen.



Besuch in Cantarino:
Das Dorf begrüßte sie mit einem großen Willkommensschild, und so parkten die beiden direkt am Ort. Einige Arbeiter waren fleißig damit beschäftigt, Cantarino neu zu pflastern: Nach den vergangenen Regentagen war dies indes eine schlammige Angelegenheit. Ansonsten trafen Isabelle und Erik keine Menschenseele.


Einige Schilder lieferten einige Erklärungen zum Hintergrund des Dorfes, netterweise auch auf Englisch.


Unterhalb der Treppe neben dem öffentlichen Brunnen hatten Bewohner eine kleine Ecke mit Stühlen und Bänken zu hergerichtet. Die wird vermutlich im Sommer genutzt, wenn einige der Nachkommen im Urlaub zu ihren Wurzeln zurückkehren. Denn oft erbten sie ein Haus von den Vorfahren, die einst hier lebten.





Cantarino: Wie ging es mit dem Dorf weiter?
Zwischen den beiden Weltkriegen hatte Cantarino seine Blütezeit und zählte etwa 300 Einwohner. Doch in den 50er Jahren kriselte der Schwefelbergbau, und so wurde die Mine Cabernardi 1956 geschlossen. Viele Bergleute waren da bereits nach Belgien abgewandert, um in dortigen Steinkohleminen neue Arbeit zu finden.
Zunächst blieben nur noch die älteren Menschen und die jungen Frauen im Dorf wohnen. Ein alter Film des Regisseurs Gillo Pontecorvo aus den 1950er Jahren mit dem Titel „Pane e Zolfo” (Brot und Schwefel) zeigt, wie die Ankunft der Postbotin ein ganzes Treffen auslöst: WhatsApp und Handys gab es noch nicht, Telefone waren rar und telefonieren ins Ausland sowieso teuer. Daher waren Briefe das einzige erschwingliche Kommunikationsmittel zu den Männern im Ausland.
Der Film ist nicht von besonders guter Qualität, aber er ist ein gutes Zeitzeugnis von damals, als der Ort langsam immer einsamer wurde.
Fortsetzung des Spaziergangs durch Cantarino:
Isabelle und Erik spazierten weiter durch das Dorf und erkannten: Auch wenn nur noch wenige Menschen dort leben, werden die meisten Häuser doch liebevoll gepflegt. Es gibt sogar moderne Klimaanlagen!


Es gibt auch eine schöne Aussicht, ohne auf das Minenareal blicken zu müssen.


Die ursprüngliche kleine Kirche wurde damals abgerissen, doch 1998 wurde eine neue eingeweiht. Leider war diese bei Isabelles Besuch geschlossen. Aber jedes Jahr wird dort am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, gefeiert. Und zu Weihnachten wird dort immer eine große mechanische Krippe aufgebaut.


Cantarino – ein spannender Ort, fast schon ein „Lost Place“ (ein verlassener Ort), und so ganz anders als die pittoresken mittelalterlichen Festungsdörfer! Man kann den Besuch gut mit einer Besichtigung der Cabernardi-Mine und des Bergbaumuseums verbinden.


Auf dieser Webseite hier könnt Ihr Luftaufnahmen von Cantarino sehen, die ganz gut die Struktur des kleinen Ortes zeigen.
1 Kommentar
Estika · 18 Februar 2026 um 08:41
Ein sehr eindrucksvoller Beitrag. Mir gefällt besonders, wie Sie Geschichte und Gegenwart miteinander verweben – man spürt förmlich, wie lebendig dieser Ort einmal war und wie still er heute geworden ist. Solche vergessenen Orte erzählen oft mehr über eine Region als bekannte Sehenswürdigkeiten. Danke für diesen sensiblen Blick auf ein Stück Industrie- und Sozialgeschichte. 🌿