Was ist schon der Wiener Opernball? In Cingoli könnt Ihr ein Wochenende lang ins 19. Jahrhundert eintauchen, abgerundet mit einem Ball am Sonntagabend unter freiem Himmel auf der wunderschönen Piazza Vittorio Emanuele II. Hier tanzt man Quadrille, Walzer, Contradanza und andere Tänze, die 1848 bei der wohlhabenderen Gesellschaft angesagt waren.
Die Cingoli-1848-Veranstaltung am 3. Wochenende im Juli.
Der Ort Cingoli, wegen der schönsten Aussicht auf die Hügel und Berge der Marken, auch balcone delle marche (Balkon der Marken) genannt, ist dieses Jahr besonders stolz: Am 3. April 2026 wurde er vom italienischen Fernsehsender RAI3 zum borgo dei borghi, zum schönsten Dorf Italiens, erwählt. Als Begründung dafür wurde die Ausgewogenheit zwischen Landschaft, Altstadt und lebendiger Dorfgemeinschaft genannt.
Die 1848-Veranstaltung ist ein Beispiel für diese Dorfgemeinschaft: Das Fest gibt es seit 1987. Es wird von der Gruppe Cingoli-1848 organisiert und ist einer der Höhepunkte des Jahres im Ort. Aber die Gruppe ist darüber hinaus das ganze Jahr aktiv, mit Tanzkursen und Tanzveranstaltungen im Stile des 19. Jahrhunderts.
Neben dem Gala-Ball am Sonntagabend, den wir uns letztes Jahr angeschaut hatten, gibt es an dem Wochenende auch
- Historische Spiele, wie Seilziehen, bei dem verschiedene Terzieri (die 3 Ortsteile) gegeneinander antreten
- Ein Faßrennen (corsa dei botti), bei dem riesige Weinfässer durch den Ort um die Wette gerollt werden
- Eine Parade der Familien durch den Ort, mit historischen Kostümen des 19. Jahrhunderts (corteo storico)
- Darbietungen des einfachen bäuerlichen Lebens des 19. Jahrhunderts (Serata contadina) der Folk-Gruppe aus Cingoli
… und natürlich auch etwas Typisches zum Essen im für dieses Fest eigens aufgebauten Ristoro di Santa Maria.
Und wenngleich die Vorbereitungen bereits seit Monaten laufen, wie zum Beispiel freitägliche, kostenlose Tanzkurse im alten Gemäuer des Cassero-Turmes am Ort, werden manche Details noch bis kurz vorher mit heißer Nadel gestrickt: Es werden noch Komparsen für die Parade in historischen Kostümen und Teilnehmer an den Wettkämpfen gesucht: Wer also Interesse hat, melde sich!


Der Gala-Ball mit Tänzen der gehobenen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.
Nun aber zum Gala-Ball: Der sollte um 21:30 Uhr beginnen, und so fuhren wir abends, als es bereits etwas kühler war, hinauf nach Cingoli, um dort einen herrlich lauen Sommerabend zu verbringen.
In den kleinen Altstadtgassen trafen wir auf etliche kostümierte Komparsen: Die Damen waren mit Reifröcken, Korsetten, Glacé-Handschuhen und Fächern bekleidet. Die Männer trugen Frack, weiße Weste, Vatermörder-Kragen und Zylinder oder alternativ eine schmucke Gardeuniform. Und sogar die Kinder waren prächtig ausstaffiert.



Auf der Piazza waren noch einige Wettbewerbe zugange und an der Via Mazzini gab es eine Ausstellung bäuerlicher Traditionen. Am Freitag hatte es wohl eine Aufführung einer traditionellen Bauernhochzeit aus der damaligen Zeit gegeben.






Wir verweilten nur kurz und kümmerten uns erst einmal um unser leibliches Wohl: Wir waren mal wieder fast die ersten in der Taverna Santa Maria, aber das war ganz gut so, denn nach uns bildete sich bereits eine Schlange an der Essensausgabe.



Nach und nach kamen auch einige Einradfahrer in geringelten T-Shirts und mit gewichsten Schnurrbärten an, die ihre historischen Fahrzeuge vor der Taverne parkten:



Als wir, gut gestärkt mit Pasta und Wein, die festlich dekorierte Piazza di Vittorio Emanuele II. erreichten, gab es noch etliche freie Stühle im Publikum, sodass wir uns erstmal setzten.




Der Grund für die freien Stühle war vermutlich, dass die Veranstaltung, wie so oft, etwas später als angekündigt anfing und wir daher, wie fast immer, zu früh waren. Nach und nach füllte sich nämlich das Publikum und der Ball begann mit dem Einzug der Tanzpaare. Das sah auf dem festlich erleuchteten Platz einfach prächtig aus. Einige Tänze wurden aufgeführt, immer erläutert von einem Experten für historische Tänze, und es gab eine Prämierung des besten Paares.




Freiwillige vor – hier könnt Ihr historische Tänze lernen und praktizieren.
Zum Ausklang wurden Freiwillige aus dem Publikum aufgefordert, dazuzukommen und um – nach einer kleinen Zeit des Übens unter Anleitung – einen tollen Abschlusstanz vorzuführen. Ich habe vergessen, ob es ein Contredanse, eine Quadrille oder ein Cotillon war – aber es war schon sehr beeindruckend, wie die Leute es in so kurzer Zeit schafften, diverse Tanzfiguren inklusive Partnerwechsel so ansprechend vorzuführen.


Schaut Euch die festliche Atmosphäre hier in dem kurzen, 1,5-minütigen Film an, den ich von dem Abend zusammengeschnitten habe:
Praktische Informationen
Hier findet Ihr das diesjährige Programm (2026) der Veranstaltung, sowie schöne Fotos der vergangenen Feste.
Darüber hinaus gibt es in der Biblioteca Comunale in der Via Mazzini eine Ausstellung über das Leben im 19. Jahrhundert, die Freitagabend feierlich eingeweiht wird.
Letztes Jahr gab es am Rande des Festes auch die Möglichkeit, den Palazzo Castiglione zu besichtigen, den ich wärmstens empfehlen kann, siehe auch unseren Artikel darüber: Palazzo Castiglione. Der ist noch im Besitz der Erben von Papst Pius VIII., der hier 1761 geboren wurde. Ich vermute, das geht auch dieses Jahr, über eine Anmeldung bei Sg. Simone Sgalla unter der Nummer 0039 3285832320.

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