Ecco Le Marche

Game Changer Buchdruck:

Wir denken immer, in den letzten hundert Jahren hätten die bedeutenden Umwälzungen in der Welt stattgefunden, wie etwa die industrielle Revolution, das Aufkommen des Internets, das Smartphone und nun auch die KI.
Aber im 15. Jahrhundert erfand Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern, und das war ein Meilenstein der Menschheitsgeschichte. Dadurch konnten Ideen, wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch Propaganda und Ähnliches viel schneller verbreitet werden. Und es erlaubte deutlich mehr Menschen den direkten Zugang zu Informationen, denn ein solches gedrucktes Buch kostete deutlich weniger als die früheren handgefertigten Manuskripte, die man meist nur in Kloster- und in Privatbibliotheken fand.

Johannes Gutenberg, aus Wikimedia commons.

Die ersten gedruckten Exemplare der Divina Commedia aus Jesi.

So entstanden nach und nach allerorts Druckereien, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickelten. Dies geschah auch in Jesi, wo nur kurze Zeit nach Foligno (Umbrien) und Mantua (Lombardei) Dantes Divina Commedia (Die göttliche Komödie) in Buchform gedruckt wurde. In Foligno geschah dies unter der Leitung von Johannes Niemeister, einem Schüler Gutenbergs, und in Jesi bei der Tipografia Federico de Conti.


Das „Museo per le Arti della Stampa“ in Jesi:

Mit-Bloggerin Isabelle besuchte das Museum kürzlich und schrieb dazu:

Ein historisches Museum kommt in einem Gebäude, das selbst eine Geschichte zu erzählen hat, besonders gut zur Geltung. Die Gemeinde Jesi wählte daher als Museumsstandort den wunderschönen Palazzo Pianetti Vecchio aus dem 16. Jahrhundert, der im Herzen der historischen Innenstadt liegt. Die Geschichte dieses Gebäudes spiegelt die sozialen und religiösen Veränderungen der Stadt im Laufe der Jahrhunderte wider:

  • 1570 – Die Anfänge: Das Gebäude wurde ursprünglich im Auftrag des nahegelegenen Klarissinnenklosters errichtet.
  • Die Adelsresidenz: Nachdem die Ordensschwestern das Gebäude verlassen hatten, wurde der Komplex von der reichen und einflussreichen Familie Pianetti erworben, die ihn in einen luxuriösen Wohnpalast umwandelte.
  • 1764 – Der Umzug: Die Familie Pianetti zog in den größeren und moderneren Palazzo Pianetti Nuovo um, in dem heute das Archäologische Museum und die Kunstgalerie der Stadt untergebracht sind.
  • Die Bischofsbibliothek: Nach dem Wegzug der Familie diente der Palazzo Vecchio zwei Jahrhunderte lang als Bibliothek. Er beherbergte die wertvolle und umfangreiche Büchersammlung von Giuseppe Pianetti, dem Bischof von Todi, und Spross der Familie Pianetti aus Jesi.
  • 1900 bis 1991 – Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1991 diente das Gebäude industriellen Zwecken. Die Familie Diotallevi richtete dort eine Druckerei ein. Dadurch war das Gebäude bereits jahrzehntelang mit Druckkunst verbunden, bevor es schließlich zu einem Museum wurde.
De bibliotheek van de familie Pianetti
Die Bibliothek der Pianettis

Die San-Bernardo-Kirche im Palazzo Pianetti Vecchio:

Beim Betreten des Palazzo Pianetti Vecchio fallen einem noch Elemente des alten Klosters ins Auge. So steht zum Beispiel die barocke San-Bernardo-Kirche aus dem 17. Jahrhundert gegenüber dem Eingang des Museums. Ursprünglich für die Klarissinnen bestimmt, später Privatkapelle der Pianettis. Anfang des 18. Jahrhunderts sorgte die Marquise Susanna Mannelli, Ehefrau von Cardolo Pianetti, für eine vollständige barocke Neugestaltung des Kircheninneren. Leider wurde die Kirche jahrelang vernachlässigt und diente zwischenzeitlich sogar als Lagerraum für Kohle. Die Gemeinde Jesi ließ sie aber glücklicherweise restaurieren.


Bei unserem Besuch fand gerade die Einweihung einer Sonderausstellung statt, sodass ich kaum fotografieren konnte. Aber die zahlreichen dekorativen Stuckarbeiten auf den wenigen Fotos geben dennoch einen guten Eindruck des barocken Prunks!

Isabelle bekommt eine Führung durchs Museum:

Der erste Raum des Museums beherbergt die Dauerausstellung mit verschiedenen Maschinen, Spezialbüchern und Inkunabeln (das sind vor dem Jahr 1500 gedruckte Bücher). Ein kleinerer Raum steht für Workshops und didaktische Aktivitäten mit Schulen zur Verfügung. Die freundliche Museumsführerin erklärte uns sehr anschaulich die Entwicklung des Druckwesens.
So blieb der Prototyp der Druckmaschine von Gutenberg jahrelang das Vorbild für Druckereien weltweit. Ein hölzernes Exemplar aus dem 17. Jahrhundert war daher der Stolz des Museums.

Anhand dieses historischen hölzernen Exemplars erklärte die Führerin Schritt für Schritt den physischen und mühsamen Prozess des manuellen Druckens:

  • Das Setzen der Lettern: Der Schriftsetzer musste zunächst einzelne Blei- oder Holzlettern von Hand in einen sogenannten Winkelhaken einsetzen. Dies erforderte enorme Konzentration, da die Lettern in Spiegelschrift angeordnet werden mussten.
  • Der Zeilenabstand: Zwischen die Zeilen wurden leere Blei- oder Holzklötzchen eingefügt, um den Zeilenabstand und die Ränder festzulegen.
  • Der Letternkasten: Um diesen Prozess zu beschleunigen, wurden die Buchstaben in große, flache Holzschubladen (Setzkästen genannt) sortiert. Jedes Fach enthielt einen bestimmten Buchstaben. Ein erfahrener Schriftsetzer kannte die Anordnung dieser Fächer auswendig und konnte die richtigen Buchstaben fast blind herausgreifen.
  • Das Einfärben und Drucken: Wenn der Satz für eine Seite fertig war, wurde er mithilfe von Farbkugeln eingefärbt. Eventuelle Verzierungen wurden mit sogenannten Klischees (vorgeformten Bildern) hinzugefügt. Anschließend wurde ein Papier auf die Form gelegt und mit einer großen manuellen Schraubpresse fest angedrückt.

Neben solchen monumentalen Pressen zeigt das Museum auch leichtere und einfachere Handmodelle. Ein markantes Beispiel ist die Poirier aus dem Jahr 1800. Diese kompakteren Maschinen wurden im 19. Jahrhundert auffallend oft von Frauen bedient. Sie waren nicht für dicke Bücher gedacht, sondern für die schnelle Produktion von alltäglichen Drucksachen wie Handelsbroschüren, Ankündigungen und Visitenkarten eingesetzt.

Die Poirier aus dem Jahr 1800 für kleine und leichte Druckerzeugnisse.

Natürlich durften auch die ersten elektrischen Maschinen nicht fehlen:

Die Linotype-Maschine.

Die Ausstellung machte nun einen Sprung zum Ende des 19. Jahrhunderts, der Zeit, in der die Buchdruckkunst eine bahnbrechende mechanische Entwicklung erfuhr. Das manuelle Einsetzen einzelner Lettern war für die schnell wachsende Zeitungsindustrie zu langsam geworden. Die Lösung kam aus den Vereinigten Staaten, wo der deutsche Einwanderer und Uhrmacher Otto Mergenthaler in den 1880er Jahren die Linotype-Setzmaschine erfand.

Diese brachte eine Revolution für den Journalismus und die Verbreitung der täglichen Nachrichten. Anstatt Buchstaben einzeln von Hand zu entnehmen, saß der Bediener hinter einer großen Tastatur, die einer Schreibmaschine ähnelte. Die Funktionsweise war ein mechanisches Meisterwerk:

  1. Matrizen sammeln: Durch Drücken einer Taste fiel eine kleine Kupfergussform (die Matrize) für einen bestimmten Buchstaben aus einem Magazin in ein Sammelgestell.
  2. Zeilen gießen: Sobald eine ganze Textzeile vollständig war, wurde automatisch flüssiges, heißes Bleisatzmetall gegen die Matrizen gepresst.
  3. Line of Type: Dadurch entstand eine komplette, massive Bleizeile (daher der Name „Line of Type“). Diese Zeilen wurden wiederum hintereinander angeordnet, um komplette Zeitungsspalten zu bilden.
  4. Automatisches Recycling: Nachdem die Zeile gegossen war, wurden die Kupferformen über einen ausgeklügelten Mechanismus mit Zähnen automatisch nach oben transportiert und in ihre jeweiligen Fächer im Magazin zurücksortiert. Die massiven Bleizeilen wurden nach dem Drucken der Zeitung einfach wieder eingeschmolzen, sodass das Metall am nächsten Tag erneut für frische Nachrichten verwendet werden konnte.

Das Druckkunst-Museum in Jesi besitzt ein wunderschönes altes Exemplar einer solchen Maschine, in diesem Fall ein Modell hochwertiger italienischer Fertigung, was wiederum ein Anzeichen dafür ist, wie schnell diese Technologie weltweit übernommen wurde.


Kostbare Bücher:

Zwischendurch durften wir einige antike Bücher aus der prestigeträchtigen Büchersammlung der Familie Pianetti bewundern:

Die „Notizie historiche della reggia città di Jesi“ (Geschichte von Jesi), die 1703 von Tommaso Baldassini herausgegeben wurde. Sie ist besonders wertvoll, da die Einführungsseite noch erhalten ist. Diese reich illustrierten Seiten, die mittels einer Illustration den Inhalt eines Buches wiedergaben, wurden später oft herausgerissen und als einzelne Drucke verkauft.
Oder das seltene Werk Monarchia Messiae (über eine ökumenische Theokratie) des Philosophen Tommaso Campanella aus dem 17. Jahrhundert, das er in Gefangenschaft verfasste.


Die Moderne: die Grafo Press.

Unser chronologischer Rundgang durch den großen Saal endete in den 1960er Jahren bei einer Maschine namens Grafo Press. Diese Maschine wurde in der damaligen Tschechoslowakei hergestellt. Die Grafo Press war als kostengünstigere und kompaktere Alternative zur legendären Heidelberg-Druckpresse konzipiert, die in der grafischen Welt damals als der „Rolls-Royce unter den Druckmaschinen“ bekannt war.
Das Aufkommen solcher Maschinen läutete die Automatisierung der kleinen Druckereien ein. Die Maschine erledigte fast alles selbst: Das Papier wurde automatisch zugeführt, perfekt positioniert gegen die Druckform gedruckt und anschließend wieder ordentlich gestapelt. Die Rolle des Druckers verlagerte sich endgültig von einem physischen Handwerker hin zu einem Bediener, der die Maschine einstellte und überwachte.


Der kleine Saal der Schriftarten:

Der Museumsbesuch endete in einem kleineren Saal. Dieser Raum ist voll mit historischen Holzschränken, in denen Hunderte verschiedener Schriftarten und Schriftgrößen sorgfältig aufbewahrt werden. Es ist eine Hommage an die Ästhetik der Typografie.

Dank der Begeisterung und des fundierten Fachwissens der Museumsführerin bot das Museo per le Arti della Stampa in Jesi ein faszinierendes und lehrreiches Erlebnis. Wer sagt denn, dass die Grundlage unserer modernen Informationsgesellschaft im Silicon Valley liegt? Meiner Meinung nach eher in den Holzpressen und Bleibuchstaben des 15. Jahrhunderts.

Praktische Informationen:

Öffnungszeiten des Museums:

Nebensaison (1. September – 30. Juni):
Mittwoch bis Freitag 10:00 – 13:00

Hochsaison (1. Juli – 31. August):
Donnerstag bis Samstag 10:00 – 13:00 Uhr

Preise:

Eintritt: 3 €, Ermäßigt: 1 € (von 6 bis 25 Jahren), Kostenlos: Kinder von 0 bis 5 Jahren, ICOM-Mitglieder, Menschen mit Behinderung und deren Begleitpersonen.
Führungen gibt es auf Anfrage. Buchbar unter: 0039-0731 538339 (von Mittwoch bis Freitag 10:00 – 13:00 Uhr) oder per E-Mail an sas@comune.jesi.an.it


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