Ecco Le Marche

Der internationale Club der Hässlichen, der Club dei Brutti, hat seinen Hauptsitz im schönen, marchigianischen Ort Piobbico. Jedes Jahr im September feiern sie dort das Fest der Hässlichen, die Festa dei Brutti. Da ich die Feste in der Region, bei denen keines wie das andere ist, liebe, wollte ich natürlich dorthin. Zu dritt fuhren wir also an einem Sonntag Anfang September nach Piobbico.

Die Festa dei Brutti findet zusammen mit der Festa del Polentone alla Carbonara statt. Diese Art Polenta auf Köhlerart ist die Spezialität des Ortes und wird an diesem Wochenende überall im Ort serviert.

Piobbico – am Fuß des Monte Nerone gelegen.

Die Gemeinde Piobbico zählt 1800 Einwohner und liegt am Fuß des Monte Nerone (1526 M). Hier mündet der Fluss Biscubio in den Candigliano, sodass Flussläufe und alte, steinerne Brücken den Ort charakterisieren.

Die günstige Lage an den zwei Flüssen hat schon Etrusker und Römer dazu bewogen, sich hier niederzulassen. Vom 11. bis 16. Jahrhundert regierte die Familie Brancaleoni den Ort. Unter ihnen wurden im 13. Jahrhundert die Burg und der historische Ortskern errichtet. Die Burg thront oberhalb des Ortszentrums. Sie wurde im 16. Jahrhundert aufwendig in eine Renaissance-Residenz umgebaut, die man heutzutage wieder besichtigen kann. Mitte des 16. Jahrhunderts legten sich die Brancaleoni allerdings ungeschickterweise mit dem mächtigen Kardinal Albornoz an und verloren alle Besitztümer zugunsten des Adelsgeschlechts der Montefeltro. Erst 1827 wurde Piobbico per Dekret von Papst Leo XII. eine eigenständige Gemeinde.

Castello Brancaleoni

Aber zurück zur Festa dei Brutti:

Wir konnten bequem in der Viale Marconi am Fluss parken und gingen zunächst durch eine Zone von Essens- und Getränkeständen Richtung Zentrum. An den Ständen war noch alles ruhig, denn es war früher nachmittag und die Leute kamen nur langsam aus der Mittagspause. Vor der Brücke befanden sich einige Kneipen und wir fragten uns durch, wo wir denn wohl den Umzug der Hässlichen sehen könnten. Der Umzug würde irgendwie um den Ort gehen, sagte man uns, aber dann auf dem Hauptplatz enden. Also überquerten wir eine der steinernen Brücken und begaben uns dorthin.

Dort sorgte gerade eine Alex-Britti-Coverband für gute Stimmung. Nach und nach wurde es immer belebter. Wir deckten uns mit frisch gezapftem Bier und Arrosticini (kleinen Lammspießen) ein und schauten uns die Zuschauer an: Einige hatten Shirts mit Mottos des Club dei Brutti an, andere waren verkleidet als Bräute. Ein Vater mit seinem Sohn erklärte uns stolz, dass der Club dei Brutti international über 25.000 Mitglieder habe und letztes Jahr sogar die New-York-Times gekommen sei, um über ihn zu berichten. Und ja, dass der amtierende, hässlichste Mann Italiens, der gleich erwartet wurde, wahrhaft hässlich sei.

Wer oder was ist der Club dei Brutti / der Club der Hässlichen?

Der Club dei Brutti wurde 1879 in Piobbico gegründet, damals mit dem Ziel einer Heiratsvermittlung der Zittelle, der alten Jungfern. Dabei muss man sagen, dass Frauen schon mit circa 25 Jahren als alte Jungfer galten, wenn sie nicht verheiratet waren! Der Club bringt es scherzhaft auf den Punkt: „Vergesst Tinder, kommt nach Piobbico.“

1960 wurde der Club neu gegründet, dieses Mal aber mit dem Ziel, sich gegen die Diskriminierung physisch beeinträchtigter Menschen einzusetzen und unsere modernen Schönheitsideale zu hinterfragen. Ja, der Club-Vorsitzende betonte, sie würden sich zudem grundsätzlich für Vielfalt einsetzen. Sehr sympathisch! Entsprechend lautet das Motto des Clubs: „Hässlichkeit ist eine Tugend, Schönheit ist Sklaverei“ (La bruttezza è ’na virtù, la bellezza è schiavitù). Jede und Jeder, die die Werte des Clubs teilen, können daher auch Mitglied werden, egal, ob sie sich nun hässlich finden oder nicht.

Der Umzug des Clubs dei Brutti.

Entsprechend sah man eigentlich auch keine Menschen, die mir besonders hässlich erschienen wären. Aber Hässlichkeit wie Schönheit liegen ohnehin im Auge des Betrachters – sagt auch der Club! Als der Umzug schließlich auf dem Platz ankam, war er schon ein bisschen auseinandergezogen. Zunächst kamen die Kinder des Ortes an, von denen eines zum presidentino oder zur presidentina gewählt wurde, also zur kleinen Präsidentin oder zum kleinen Präsidenten. Jedes Jahr ein anderes Kind, um die Jugend schon früh in die Festtraditionen einzubinden.

Danach kamen der gegenwärtige Präsident, Gianni Aluigi, und einige Mitglieder des Clubs sowie der amtierende „hässlichste Mann Italiens“. Teilweise fuhren sie in bunten Cabrios vor. Danach eine Truppe von brasilianischen Samba-Tänzerinnen und einem Sambatänzer. Denn auch Schönheit und Anmut gehörten auf das Fest. Gefolgt von einer Marching-Band, einer Musikkapelle.

Alles in allem sehr überschaubar, aber mit viel guter Laune und offensichtlich auch dazu da, dem Thema Hässlichkeit mit Humor und mit viel Liebe zu begegnen.

Der neue Präsident und der neue hässlichste Mann Italiens werden gewählt.

In einer schwer überschaubaren Zeremonie wurde zunächst der neue Präsident verkündet. Der alte Präsident war offenbar wiedergewählt worden und zur Bekräftigung stieg weißer Rauch aus einem Fenster. Fast wie bei einer Papstwahl.

Danach wurde ein sogenannter No-bel-Preis (premio No-Bel, das bedeutet „nicht schön“-Prämie) verliehen. Der geht jedes Jahr an engagierte Menschen, wie in diesem Fall an Chiara Buiarelli, die mit einer 80-tägigen Fahrradtour durch ganz Italien für rheumatische Erkrankungen sensibilisieren wollte.

Der hässlichste Mann Italiens verteidigt seinen Titel.

Schließlich kam auch der hässlichste Mann Italiens, Daniele „Poldo“ Isabettini, auf die Bühne. Von Ferne fand ich ihn nicht sehr hässlich, aber von Nahem konnte man sehen, dass sein Gesicht etwas entstellt war und die Zähne sehr schief waren. Aus einem Interview (siehe dazu auch die Video-Links am Ende dieses Artikels) erfuhr ich, dass sein Gesicht vor mehr als 25 Jahren durch einen schweren Unfall mit seinem Lastwagen schwer verletzt wurde und er zudem ein Bein verlor. Es gab wohl einen eher unauffälligen Konkurrenten um den Titel, aber Poldo obsiegte auch hier wieder, wie in den vergangenen Jahren.

Als alle abgezogen waren, gingen wir erst einmal Polentone essen – in einem beschaulichen Garten direkt neben dem Hauptplatz. Danach schauten wir uns auf der anderen Seite der Brücke um, wo sich die Leute hin verlagert hatten, um weiterzufeiern. In den Bars und Restaurants war großartige Stimmung und auch die Sambatänzer:innen amüsierten sich gut.

Alles anders, als wir uns vorgestellt hatten: Statt einem düsteren Gruselkabinett war dies eine Veranstaltung für Inklusion, Diversität und Lebensfreude, gepaart mit einer guten Portion Humor und Chaos.

In den Mediatheken von Deutscher Welle und der ARD gibt es interessante Kurzbeiträge zur Festa dei Brutti:

Deutsche Welle: Das italienische Dorf Piobbico feiert die Hässlichkeit.

ARD: Re: Das Dorf der Hässlichen – Piobbico rebelliert gegen den Schönheitskult.

Nützliche Informationen:

Die Festa dei Brutti findet jedes Jahr am jeweils ersten Sonntag im September statt, eingebettet in die Sagra del Polentone alla Carbonara, die dieses Jahr auf den 4., 5. und 6. September 2026 fällt.

Im Vereinsheim der Brutti kann man T-Shirts mit dem Motto des Clubs erstehen.

Aktuelle Informationen, gibt es auf den Social-Media-Seiten des Vereins: Instagram und Facebook. Dort könnt Ihr – meist erst sehr kurz vorher – die Menü-Angebote der Essensstände und Restaurants sehen und das Programm einsehen. Hier etwa der Link zum Programm der Veranstaltung 2026: Sagra Nazionale del Polentone alla Carbonara.

Die Öffnungszeiten der Burg der Brancaleoni findet Ihr auf dieser Webseite hier: Castello Brancaleoni.

Und solltet Ihr hinfahren, wünschen wir Euch viel Spaß!


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