Traditionelles Essen wie bei der Nonna zu Hause.
In der Trattoria Anita, so sagen die Italiener, die von nah und auch schon mal von fern dorthin kommen, kann man noch wie bei der Nonna (der Oma) essen. Das ist das ultimative Kompliment, denn die Nonna ist in Italien immer der Garant für ein unbeschwertes sonntägliches Familienessen mit vielen schönen Erinnerungen.
Bei Anita wird noch genauso gekocht, wie es die Nonna gemacht hätte: frisch, haus- und handgemacht, saisonal, mit lokalen Zutaten und nach traditionellen Rezepten.
Man findet die von außen unscheinbare Trattoria versteckt in einer kleinen Seitenstraße, der Via Filzi, im Zentrum von Cupramontana. Der rechte Eingang führt in den Teil der alten Schänke: Bilder aus dem bäuerlichen Leben, aus Winzertradition und Jagdtrophäen zieren diese alte Cantina. Hier kommen oft die Stammgäste unter und hier wird auch nach dem Essen bezahlt.
Die Tür ganz links führt hingegen in einen kleinen Flur mit Treppe, die hoch in die Beletage mit zwei größeren Speiseräumen führt. Und durch die mittlere Türe kann man oft schon von außen in die Küche mit ihren dampfenden Töpfen spinksen. Selbstverständlich ist das Lokal vielfach von Restaurantführern ausgezeichnet!




Unsere Erinnerungen an die Trattoria Anita liegen jetzt schon mehr als 15 Jahre zurück. Wir hatten gerade unseren Hauskauf beim Notar besiegelt und wollten darauf mit Freunden mittags bei Anita anstoßen. Der Pfarrer, der zu der Zeit stets einen eigens reservierten, kleinen Tisch im Restaurant hatte, hielt den Moment für uns im Foto fest:


In dieselbe Zeit fiel auch unser Erlebnis, bei dem wir im Winter pitschnass vor dem Restaurant standen und nicht wussten, dass dort montags Ruhetag war. Aber es war drinnen Licht und auf die Frage, wer im Ort denn heute geöffnet hätte, schüttelte die Wirtin, Jolanda, mitleidig den Kopf. Aber dann strahlte sie und meinte: heute, an seinem freien Tag, würde ihr Mann seine Freunde bewirten und es wäre eine geschlossene Gesellschaft. Wenn wir aber zufrieden wären mit dem Essen, welches aufgetischt würde, könnten wir gerne hereinkommen. Und so bekamen wir einen kleinen Katzentisch etwas abseits von der langen Tafel, an die der Wirt Donatello seine Freunde eingeladen hatte. Natürlich war das Essen hervorragend!
Trattoria Anita seit den 1920ern – und immer in Frauenhand.
Ein Lokal gab es an dieser Stelle bereits vor über 100 Jahren; 1920 eröffnete Elisa Bianchi dort eine einfache Schänke mit Essen unter dem Namen „La Moretta„. Aber bereits in den 1940er/1950er Jahren ging das Lokal an Anita Rossini über, die dort 1965 ihre legendäre Trattoria Anita eröffnete. Zu unseren Zeiten, hatte aber bereits die Tochter Jolanda die Restaurantführung übernommen. Ihr Mann Donatello, der 2023 verstorben ist, kümmerte sich unter anderem um den Weinanbau (denn in der Trattoria wurde vor allem Wein seines eigenen Weingutes serviert) und um die Kasse unten, und er bereitete samstags die legendäre Porchetta zu, die oft schon mittags ausverkauft war.
In den 1970ern wurde das Lokal um Räume in der 1. Etage erweitert, damit neben der einfachen Schänke Platz für Abendessen und Feierlichkeiten war. Wenn Ihr sehen wollt, wie der Speisesaal im Jahr 1973, also vor über 50 Jahren, ausgesehen hat, dann schaut Euch das Gemälde an, das auf der 1. Etage an der Wand hängt und das von den Portraits von der Gründerin Anita und von Donatello umrahmt ist. Ihr seht nur wenig Unterschied zum Speisesaal, wie er heute ist? Richtig! Das Restaurant hat sich über die Zeit kaum verändert; Ihr befindet Euch auf einer Zeitreise in die 1970er Jahre!




Man kann die heutige Anrichte auf dem Bild gut erkennen und auch den Speisenaufzug samt Steuerung und Telefonanlage, der auch heute noch ratternd die Gerichte von der Küche im Erdgeschoss in den Speisesaal transportiert und der uns schon immer schwer beeindruckt hat:
Essen bei Anita – fühlt Euch wie zu Hause!
Wenn wir früher dort essen gingen, wurde uns zunächst ein Platz zugewiesen. Es gab keine Speisekarte, stattdessen kam Jolanda und fragte, wonach uns denn heute sei: ob wir mit einem Pastagericht anfangen wollten oder erst eine Vorspeise haben möchten. Erst dann zählte sie auf, was es gab. Die selbstgemachten Pasta – Tagliatelle, Tortelloni oder die lokale Spezialität Vincisgrassi waren und sind dabei unvergesslich. An bestimmten Tagen der Woche (immer denselben) gab es Besonderheiten: freitags Tagliatelle mit Thunfischsauce oder als Hauptgang Baccalà aus dem Ofen, samstags Porchetta-Braten und sonntags feinen Kalbsbraten.
Selbstverständlich konnten wir erst einmal mit Pasta anfangen und später überlegen, ob wir noch einen Hauptgang oder Nachtisch vertragen. Als Standard gab es zum Essen Wasser und offenen Weißwein vom Weingut Quaresima (von Donatello). Wenn wir schon mal nach rotem Wein fragten, musste Jolanda erst einmal gucken gehen, ob sie welchen da hatte. Und als ein Freund ein Bier bestellte, sahen wir sie kurz darauf die Straße hochlaufen, um frisch gezapftes Bier in der „Bar Ruggero“ zu holen. Im Weinschrank gab es natürlich auch Flaschenweine der Region – wir sind schließlich in einem Winzerort.




Zum Bezahlen ging man immer hinunter in die Schänke und dort stand Donatello, taxierte einen und nannte dann irgendeinen Betrag, der zu zahlen wäre. Wir haben für das gleiche Essen an verschiedenen Tagen unterschiedlich viel bezahlt, je nach Laune des Wirts. Das hatte auch nichts mit Touristen oder Einheimischen zu tun: Freunde aus Deutschland waren bei uns zu Besuch und zahlten weniger, als wir, die wir dort bekannt waren, je bezahlt hatten. Früher war ich darüber aufgebracht, aber wenn ich es heute recht überlege, war es, egal, wie viel oder wenig wir bezahlt haben – es war immer günstig!





Trattoria Anita heute – immer noch eine kulinarische Zeitkapsel.
Seitdem hat sich nicht viel verändert. Jolanda ist inzwischen weit über 80 Jahre alt. Nach den Schicksalsschlägen des Verlustes ihres Mannes und ihrer Tochter in den letzten Jahren hat sie sich entschieden, das Lokal dennoch weiterzuführen. Allerdings ist es nun nur noch mittags geöffnet. Den günstigen Hauswein gibt es jetzt aus Flaschen, es gibt auch Flaschenbier und unten in der Schänke hängt jetzt sogar eine Speisekarte zur groben Orientierung. Das Essen wird jetzt normal abgerechnet, aber allen fehlt der verschmitzte Donatello. Jolanda bedient kaum noch selber, huscht aber immer noch durchs Lokal, um nach dem Rechten zu sehen, und wird von Stammgästen mit einem fröhlichen „Ciao Iole“ begrüßt.
Vor allem aber: Die Gerichte sind noch immer die gleichen, wie vor 15 Jahren (und ich vermute mal, dass es auch die gleichen, wie vor 50 Jahren sind). Hausgemacht, traditionell und ehrlich!
Am gestrigen Sonntag war es natürlich wieder proppenvoll in der Trattoria und fröhliches Stimmengewirr drang von der 1. Etage zu uns auf die Straße. Die Welt dreht sich weiter, aber die Trattoria Anita ist ein Stück Beständigkeit seit über 100 Jahren.

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