Ecco Le Marche

Wer kennt nicht Bella Ciao, dieses italienische Lied mit der eingängigen Melodie? Ich habe es in Deutschland in den 1980ern auf den Ostermärschen gehört, ohne den Text und die Geschichte zu kennen. Ausgehend von Belgien haben Klimaschützer bereits 2012 an 180 Orten ihre eigene Version eingesungen („Do it now – sing for the climate“). Und in den letzten Jahren wurde der Song weltweit populär, als er in der Fernsehserie Haus des Geldes (Casa de Papel) verwendet wurde und seit 2018 als Hugel Remix die Clubs eroberte. Es gibt eine adaptierte Version, die jetzt in der Ukraine populär ist.

Natürlich existieren zahlreiche italienische Versionen, von Celentano bis Milva. Hier eine besonders schöne von der Sängerin Tosca, die wir uns im Italienisch-Kurs angehört haben:

Was hat es mit dem Lied auf sich?

Das Lied ist heute vermutlich das bekannteste Lied der italienischen Partisanenbewegung, die im 2. Weltkrieg gegen die deutschen Invasoren kämpfte. Von der deutschen Wehrmacht wurden fürchterliche Massaker an der Zivilbevölkerung begangen und es gründeten sich Partisanengruppen, die sich meist in abgelegenen, ländlichen Regionen sammelten, um die deutschen Truppen zu bekämpfen.

Jedes Jahr am 25. April, der italienischen Giornata della Liberazione (Tag der Befreiung vom Faschismus und von den Deutschen), wird Bella Ciao daher bei vielen Gedenkfeiern gesungen oder gespielt. Mehrere große Parteien haben kürzlich den Vorschlag eingebracht, das Lied künftig sogar zur offiziellen Hymne des 25. April zu erklären.

Hier der italienische Originaltext und eine deutsche Übersetzung:

Una mattina mi son svegliato,
o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!
Una mattina mi son svegliato,
e ho trovato l’invasor.

O partigiano, portami via,
o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!
O partigiano, portami via,
ché mi sento di morir.

E se io muoio da partigiano,
o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!
E se io muoio da partigiano,
tu mi devi seppellir.

E seppellire lassù in montagna,
o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!
E seppellire lassù in montagna,
sotto l’ombra di un bel fior.

Tutte le genti che passeranno,
o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!
Tutte le genti che passeranno,
Mi diranno «Che bel fior!»

«È questo il fiore del partigiano»,
o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!
«È questo il fiore del partigiano,
morto per la libertà!»

Deutsche Übersetzung:

Eines Morgens erwachte ich
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
Eines Morgens erwachte ich
und fand den Eindringling vor.

O Partisan, bring mich fort
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
O Partisan, bring mich fort
Denn ich fühle, dass ich bald sterben werde

Und falls ich als Partisan sterbe
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
Und falls ich als Partisan sterbe
Dann musst du mich begraben

Begrabe mich dort oben auf dem Berge
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
Begrabe mich dort oben auf dem Berge
Unter dem Schatten einer schönen Blume

Und die Leute, die daran vorbeigehen
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
Und die Leute, die daran vorbeigehen
Werden mir sagen: „Welch schöne Blume!“

Dies ist die Blume des Partisanen
O Schöne, tschau, Schöne, tschau, Schöne, tschau, tschau, tschau!
Dies ist die Blume des Partisanen
Der für die Freiheit starb

Aber wo kommt das Lied her und was hat das mit der Region Marken zu tun?

Es gibt einige Theorien, wo dieses italienische Volkslied zuerst auftauchte. Die frühere Vermutung, es käme von Reis-Arbeiterinnen im Norden Italiens wurde widerlegt, weil es dort zwar tatsächlich gesungen wurde, aber erst seit den 1960er Jahren. Lange vermutete man schon, dass Bella Ciao seinen Ursprung in Mittelitalien habe, hatte es aber zunächst der berühmten Partisanenbrigade Maiella aus den südlicher gelegenen Abruzzen zugeordnet, die den Partisanen in den Marken zeitweise zu Hilfe eilte.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brigata_Maiella.svg

Letztes Jahr hat der Historiker Ruggero Giacomini in Archiven der Region Marken Indizien gefunden, dass das Lied wohl zuerst in der marchigianischen Gegend um den Monte San Vicino gesungen wurde und erst von dort, vermutlich von Mitgliedern der verbrüderten Brigata Maiella, in die Abruzzen getragen wurde.

Als Beweis zitiert er die Russin Lydia Stocks, die 1943 aus einem Internierungslager bei Macerata geflohen war und sich den Partisanen am Monte San Vicino zeitweise angeschlossen hatte. Giacomini fand in den Archiven einen Brief, den sie kurz nach dem Krieg an Amato Vittorio Tiraboschi, den ehemaligen Kommandanten ihrer Brigade Garibaldi Marche, schrieb. Darin erinnerte sie an das damals gemeinsam gesungene Bella Ciao. Und bereits im Jahre 1945 schrieb der Pfarrer des in der Nähe liegenden Ortes Poggio San Vicino, in dem die Deutschen ein schlimmes Massaker verübten, dass selbst die Kinder bereits im Frühjahr 1944 Bella Ciao sangen.

Welches ist denn die schöne Blume, die im Bella Ciao Text erwähnt wird?

In den USA, in Großbritannien und in vielen Teilen der Welt wird die Mohnblume als Symbol für die Toten der Kriege gesehen, ausgehend von einem Gedicht des kanadischen Generals McCrae, das die Mohnblumen zwischen den Kreuzen und Gräbern der Gefallenen des 1. Weltkrieges in Flandern, einer der blutigsten Schlachten dieses Krieges, beschreibt.

In Italien wurde diese Symbolik zunächst nicht verwendet. Bis der Sänger Fabrizio di André 1966 das Antikriegslied „La guerra di Piero“ (Der Krieg des Piero) veröffentlichte, das mit den Zeilen beginnt:

Dormi sepolto in un campo di grano
Non è la rosa, non è il tulipano
Che ti fan veglia dall’ombra dei fossi
Ma son mille papaveri rossi

auf Deutsch:

Du schläfst begraben in einem Weizenfeld
Es ist nicht die Rose, es ist nicht die Tulpe
Die aus dem Schatten der Gräben über dich wacht
Aber es sind tausend rote Mohnblumen

Seitdem gilt in Italien: Die Mohnblume (italienisch Papavero) ist die Blume der Partisanen!

Was auch immer Historiker noch über die Ursprünge von Bella Ciao herausfinden werden, ich werde immer an Bella Ciao und die Partisanen des Monte San Vicino und an die vielen Opfer des 2. Weltkrieges denken, wenn in den Marken im späten Frühjahr die Mohnblumen allgegenwärtig sind.

Die Informationen habe ich unter anderem aus einigen Artikeln recherchiert, die ich hier dankend erwähnen möchte: Cronache-Ancona vom 6.4.2021 , Il Resto del Carlino vom 7.4.2021 , Discorsivo vom 25.4.2021 … und natürlich Wikipedia und Wikimedia Commons …


1 Kommentar

Kurt Luks · 27 April 2022 um 14:44

In diesen Zeiten erlangt „bella ciao“ eine besondere Bedeutung. Eine ukrainische Version gibt es hier: https://youtu.be/JELNEDm0GL0

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