Ecco Le Marche

Civitanova Marche besuche ich gerne, weil es dort einen großen Schuhmarkt unter freiem Himmel gibt. Dieses Jahr wollte ich mir mehr vom Ort ansehen und mich auf Hafen und Meer konzentrieren. Denn Civitanova kann mit einiger Fischereitradition aufwarten!

Fischertradition

Der Ort an der Mündung des Chienti-Flusses war schon zu Römerzeiten besiedelt und trug den Namen Cluana. Allerdings wurde sowohl der Hafenort als auch das höher gelegene Civitanova Alta von Barbaren zerstört. Im Mittelalter herrschten hier verschiedene lokale Adelsfamilien, dann kam – wie fast überall in Mittelitalien – der Kirchenstaat, die napoleonische Besatzung und schließlich im 19. Jahrhundert die Einheit Italiens. Hier wird es nun im Bezug auf den Hafen interessant:

Im 19. Jahrhundert wurde nämlich der Hafen wegen des expandierenden Fischfangs um einige Straßen und Häuserzeilen für die Fischer erweitert, im Volksmund „Shanghai“ genannt.

Bis zum 2. Weltkrieg fischte man vorwiegend mit Segelbooten, den traditionellen „lancette a vela„, die man abends einfach auf den Strand zog. Nach dem Krieg setzten sich aber immer mehr große, motorisierte Boote durch und man benötigte Anlegestellen. Da kam der 1932 iniziierte Hafenneubau gerade recht und die Fischerei boomte.

Am Fischereihafen

Am Fischereihafen, beginne ich daher meinen Rundgang. Die Flotte von Schleppnetzbooten und Vongolare (spezielle Boote zum Fang der kleinen Vongole-Muscheln) ist recht beeindruckend! Allein die lokale Fischerorganisation Casa del pescatore di Porto Civitanova zählt 180 Mitglieder, die 21 große Motorboote und 36 Vongolare betreiben. Und ich glaube, es ist nicht die einzige Organisation. Dazu kommen noch ein paar Boote lokaler Austern- und Miesmuschelzüchter. Ja, in der Adria werden auch Austern gezüchtet!

Überall am Hafen Murales – „Vedo a Colori“

Der Rundgang bis zur leuchtenden roten Boje, die die Hafeneinfahrt markiert, lohnt sich doppelt: Ab 2009 sind unter Kuration des lokalen Künstlers Giulio Vesprini überall am Hafen Murales – Wandbilder – entstanden. Das Projekt nennt sich „Vedo a Colori“ – ich sehe in Farbe. Teils sind sie – nach fast 25 Jahren – schon verwittert, aber andernorts sind neue dazugekommen.

Piazza XX Settembre – auch schön ohne Schuhmarkt!

Auf dem Weg ins alte Fischerviertel mache ich noch einen kleinen Abstecher zur Piazza XX Settembre, die heute am Wochentag ohne Schuhmarkt noch hübscher aussieht: Mit dem Palazzo Sforza und der Fontana dei Giardini und dem kleinen Eis-Kiosk. Rings um den Platz schicke Modegeschäfte und Delikatessenläden.

Angekommen in Shanghai – dem Fischerquartier

An der Nordseite des Platzes biege ich schließlich ab und tauche ins Shanghai-Viertel der Fischer ein:

Die Straßennamen lassen die Verbindung zum Meer erkennen: Via della Conchiglia (Muschelstrasse), Via della Nave (Schiffsstrasse), Via del Lido (Strandbadstrasse). Die ehemaligen Häuser der Fischer erkennt man, weil sie recht klein sind, während zwischendrin manchmal repräsentativere Gebäude mit Balkonen stehen, die Händlern gehörten. Einige sind wunderbar restauriert und beherbergen heute nette Cafès, Bars, Antiquitätenläden oder B&Bs, andere sind kurz vor dem Zusammenfall. Insgesamt aber eine sehr charmante Gegend.

Das Viertel war bis in die 1950er Jahre sehr arm und von schlechten hygienischen Bedingungen gekennzeichnet. Bis in die 1930er Jahre gab es noch keine Kanalisation, und das Schmutzwasser lief einfach durch die Straßen, danach wurde es zumindest in offenen Kanälen systematisiert. Da man in der Zeit vom überbevölkerten und wirtschaftlich rückständigen Shanghai in China gehört hatte, erhielt das Viertel daher im Volksmund den Namen „Via Shanghai„. Ein Glück, dass es am Ende nicht abgerissen wurde – Civitanova hätte dann eine pittoreske Attraktion weniger!

Chiesa di Cristo Rè – Kirchturm mit Leuchtturm-Funktion

Von hier mache ich noch einen kleinen Abstecher zur Kirche Cristo Rè (König Christus). Sie ist recht modern und wurde 1933 unter anderem mit Geldern der Fischer gebaut. Ihre Besonderheit ist aber ohne Zweifel der 33 Meter hohe Kirchturm, denn der dient gleichzeitig als Leuchtturm und ist auch vom Hafen gut als Landmark zu erkennen:

Die alte Fischhalle im Jugendstil

Zurück zu Meer und Sporthafen komme ich an der alten Pescheria vorbei. Im Liberty-Stil (Jugendstil) gebaut, war sie einst die alte Fischhalle. Heute wird der Fang der Fischereiflotte in einer neuen, modernen Fischhalle noch näher am Kai frühmorgens ab 3:30 Uhr versteigert. In der alten Pescheria wird dagegen Fisch „en Detail“ für Endkunden verkauft und es werden günstige, fangfrische Fischspezialitäten serviert.

Marina

Danach sehe ich mir noch den Sporthafen und die Hafengebäude an. An einer Hauswand eine Gedenktafel für die gestorbenen Seeleute. Unvermutet kreuzt ein Segelschiff unseren Weg – an Land! Es wird vermutlich zur Slipanlage gezogen, um zu Wasser gelassen zu werden. Es gibt jüngste Pläne, den Sporthafen von Civitanova zu einer Super-Marina auszubauen. Dann hätte der Ort Kapazität für fast 1000 Boote (die Fischerboote eingeschlossen). Aber den Zeitungen entnehme ich, dass das Thema kontrovers ist.

Fisch Essen in Civitanova – ein Muß!

Jetzt habe ich aber Hunger! Ich mache mich auf den Weg zur südlichen Strandpromenade, wo ich meinen Mann treffe und wir in eines meiner Lieblingsrestaurants am Ort gehen, dem Oasi. Und natürlich schwelgen wir in Fisch und Meeresfrüchten!

Tipps

Es gibt in Civitanova Marche viel mehr zu sehen, als nur Hafen, Strand und Meer. Hier könnt Ihr Euch den 2-sprachigen Touristen-Guide, herausgegeben von der Gemeinde, kostenlos herunterladen.

Tipp: Am 10. Juni findet in Civitanova das große Hafenfest „Gusta Porto“ statt; da wird es rund um den Hafen verschiedenste Aktivitäten geben, von einer Demonstration alter Fischertechniken frühmorgens bis hin zu Spielen, Ausstellungen, Musik, Verkostungen und einer Fahrrad-Genusstour. Das Programm (leider nur auf Italienisch) findet Ihr hier.

Kategorien: Orte

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