Ecco Le Marche

Vor zwei Jahren sind mein Mann Otto und ich bei einer Fahrt in den Norden der Marken an Fratte Rosa vorbeigefahren und sahen die Schilder, die auf die Keramiktradition hinwiesen. Da habe ich mir vorgenommen, den Ort irgendwann einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieses Jahr war es schließlich so weit – zusammen mit Isabelle und Laura: Wir tauchten ein in einen kleinen mittelalterlichen Ort mit Stadtmauer und süßen Gässchen, Winkeln und Häusern mit liebevoller Blumendekoration sowie …

… einer überragenden Aussicht: in die eine Richtung sahen wir Küste und Meer, in die andere lange Abschnitte der Berge des Apennin.

Schon bei der Auffahrt nach Fratte Rosa wurde uns klar, dass die ersten Bewohner diesen Ort mit viel Bedacht gewählt haben müssen: zur Römerzeit befanden sich in der Umgebung Handelsposten wie der von Suasa, doch wurden diese wohl im 5. Jahrhundert wegen der vielen Barbaren-Angriffe der Goten unter Alarich I. verlassen und die Leute bauten ihre neuen Ortschaften (borghi) oben auf die Hügel, weil sie dann besser zu verteidigen waren. Castelleone, Mondavio und Corinaldo sind zu dieser Zeit aus ähnlichen Motiven entstanden.

Castrum Fractarum, so der alte Name des Ortes, wurde schließlich umbenannt in Fratte Rosa. Castrum bezeichnete ganz generell eine Burg oder einen Ort mit Stadtmauer und wurde im neuen Namen wohl schlicht weggelassen. Fractarum (zerbrochen, zerteilt) wurde zu Fratte und bezog sich auf die Erdarbeiten, die in der Umgebung gemacht wurden, um an den weißen Lehm zu kommen, der Fratte Rosa letztendlich bekannt machte: Das Gelände um Fratte Rosa ist unglaublich lehmhaltig. Das ist zwar schlecht für die Landwirtschaft, aber perfekt, um daraus das berühmte Terrakotta zu machen. Und wegen der rosa Farbe des Terrakotta wurde dem Fratte im 18. Jahrhundert eben noch ein Rosa angehängt.

Im 16. und 17. Jahrhundert stritten verschiedene Adelsfamilien wie die Malatesta, Montefeltro und Della Rovere um die Herrschaft über den Ort, die schließlich der Graf von Montevecchio erlangte.

Die Tradition des Terrakotta wurde im Ort über all die Jahrhunderte hinweg aufrecht erhalten und machte Fratte Rosa zu einem Zentrum der terra lavorata, der Töpferkunst. Um diese Kunst hinreichend zu würdigen, möchten wir ihr allerdings einen eigenen Artikel widmen – bald auf unserem Blog zu lesen …

Beim Schlendern durch den Ort taten sich immer wieder atemberaubende Aussichten auf Meer und Adriaküste einerseits und auf die umliegenden Berge vom Monte Conero bis San Marino auf. Besonders schön war es, an allen möglichen Ecken und Häusern Spuren der Terrakotta-Kunst zu finden, seien es Straßenschilder, Geschäftsschilder, Hausnummern oder Bilder eines Kreuzweges – alles in Terrakotta.

Die Hauptstraße des Ortes, die vom römischen Tor ins Dorf hineinführt, war früher von lauter kleinen botteghe (Werkstätten) gesäumt: Es gab Schreiner, Künstler und Schuster. Ich kann mir gut vorstellen, wie quirlig und lebhaft diese Straße früher gewesen sein muss!

In einer dieser Schusterwerkstätten hat Giovanna heutzutage ein tolles Schaufenster für ihre Majolika-Kunstwerke eingerichtet: Sie beließ den alten Raum im Originalzustand und dekorierte darin ihre Waren mit einem kühnen „Vintage“-Touch.

Die lehmhaltige Erde von Fratte Rosa dient aber nicht nur dem Töpferhandwerk, sie ist wohl auch idealer Boden für eine spezielle Bohnensorte, den favetta di Fratterosa, die kleiner und zierlicher als die sonst in Italien verbreiteten dicken Bohnen (fave) sind. Ihnen ist sogar ein Presidio Slow Food gewidmet, also eine spezielle Patenschaft der weltweiten Slow Food Bewegung.

Unser Tag mit Giovanna in Fratte Rosa war toll und voller Eindrücke. Wir merkten garnicht, wie die Zeit verflog und hatten am Ende leider keine Zeit mehr, um die favetta zu probieren. Ich werde aber bald nochmal hinfahren, denn ich habe im Ort ein nettes kleines Trüffel-Restaurant entdeckt, das im Juni wieder eröffnet und ich habe mich in einige der Terrakotta-Produkte verliebt und will sie mir nochmal in Ruhe ansehen … und vielleicht kaufen.


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