Ecco Le Marche

Vor 75 Jahren, am 26.06.1946, machten die beiden Brüder Giuseppe und Pitero Perruzzini die Entdeckung ihres Lebens: Beim Graben eines Entwässerungskanals fanden sie ein altes Metallteil…und dann noch eins und noch eins. Insgesamt gruben sie im Weiler Santa Lucia di Calamello (bei Cartoceto di Pergola) 318 Teile mit einem Gesamtgewicht von 900 Kilo (!) aus. Sie merkten, dass das Metall in ihren Händen golden war, denn es stellte sich heraus, dass es sich um vergoldete Bronzestücke handelte. Aber in Italien gehört das, was man unter der Erde findet, dem Staat. Die Brüder versuchten daher, ihren Fund geheim zu halten und ihn zu verkaufen, aber einige Archäologen aus Urbino und Ancona kamen ihnen auf die Schliche und alles wurde beschlagnahmt.

Der Fundort bei Cartoceto


Nun ging ein regelrechter Museumskrimi los, der die Beteiligten Jahre unter Spannung halten sollte: Schnell war klar, dass es sich bei dem Fund um römische vergoldete Bronzeelemente handelte, die irgendwie zusammengehörten.
1949 wurde in Florenz mit einer zehn Jahre dauernden Restaurierung begonnen, bei der alle Elemente zu einer einzigen Skulpturen-Gruppe zusammengefügt werden konnten: zwei Frauenfiguren und zwei Männer zu Pferd. Eine einzigartige Sensation!

Nach der Restaurierung wurde die Gruppe in das Archäologische Museum von Ancona gebracht. Im Jahr 1972 erschütterte jedoch ein Erdbeben die Stadt und machte das Museum unzugänglich. Gelegenheit für eine zweite, gründlichere Restaurierung, dachten man, und brachte die Funde 1974 dafür wieder nach Florenz.

Nach weiteren 13 Jahren durfte schließlich die Stadt Pergola die Statuen vorübergehend ausstellen. Sie nutzten dafür das ehemalige Kloster San Giacomo aus dem 13. Jahrhundert. Die Ausstellung war derart erfolgreich, dass die Pergolesen die Skulpturen nicht mehr nach Ancona zurückbringen wollten. Sie verschlossen den Eingang zum Kloster und sperrten die Skulpturen dort jahrelang weg, ja, sie sollen beizeiten sogar eine Menschenkette davor geformt haben, um die wertvollen Artefakte zu verteidigen. Damit begann ein zähes, jahrelanges Ringen zwischen Ancona und Pergola um die Bronzestatuen.


Nach fünf Jahren in einem schlecht klimatisierten Raum im Kloster San Giacomo kehrten die Bronzi Dorati (die vergoldeten Bronzestatuen) abermals nach Florenz zurück, um wiederum restauriert zu werden. Danach wurde beschlossen, die Statuen endgültig der Stadt Pergola zuzuweisen. Die begann sofort damit, das ehemalige Kloster umzubauen, um die Statuen nunmehr in einem angemessenen Raum mit Klimatisierung zu präsentieren.

Ende der Geschichte? Keineswegs, denn 1999 beschloss man auf einmal, sie jeweils ein halbes Jahr in Ancona und das andere halbe Jahr in Pergola zu zeigen, wobei eine Kopie die jeweils vorübergehend abwesenden Skulpturen ersetzen sollte. Isabelle erinnert sich noch gut daran, dass dies das beherrschende Thema in der lokalen Presse war, als sie sich im Jahr 2000 in der Region Marken niederließ.


Im Jahr 2002 (mit einer erneuten Bestätigung im Jahr 2008) erfolgte dann wiederum die „endgültige“ Vergabe an Pergola. Doch 2012 wurde der Fall neu aufgerollt und dieses Mal erhielt eigentlich Ancona den Zuschlag …

Doch nun schreiben wir schon das Jahr 2021, und diese einzigartigen Stücke befinden sich immer noch in Pergola. Zu Recht, wie wir finden, denn nirgendwo sonst, auch nicht in Rom, wurde eine so gut erhaltene und recht vollständige Gruppe von Reiterstatuen aus vergoldeter Bronze aus römischer Zeit entdeckt. Denn die meisten solcher Funde wurden im Laufe der Jahrhunderte eingeschmolzen, um zu Münzen, Waffen oder anderen Gegenstände daraus herzustellen.

Das Jubiläum der 75-jährigen Entdeckung der Bronzi Dorati sollte nicht unbemerkt vorübergehen, dachte sich Wijnand Luttikholt, der seit Jahren in Pergola lebt und dort die Ferienapartmentanlage Ca’Palazzo in einem alten Weiler aus dem 11. Jahrhundert betreibt.
Über Evert de Rooij (beachteter Autor zweier niederländischer Reiseführer über Die Marken) kam er in Kontakt mit dem Maastrichter Künstler Wil van der Laan. Der sah die vergoldeten Bronzestatuen aus Pergola, und entwickelte die Idee, ihnen moderne Bronzeköpfe illustrer römischer Kaiser zur Seite zu stellen.

Auf Einladung von Wijnand besuchten wir van der Laans Ausstellung Römische Kaiser in Bronze im Museum der Bronzi Dorati in Pergola.


Das ehemalige San-Giacomo-Kloster aus dem 13. Jahrhundert wurde während der Einigung Italiens 1861 geschlossen. Danach diente es als Waisenhaus, Krankenhaus und wurde schließlich zu einer Schule. Heute teilen sich das wissenschaftliche Lyzeum und das Museum das gesamte Gebäude. Es enthält neben den Bronzi Dorati noch etliche weitere Exponate, so dass wir dafür noch einmal einen eigenen Artikel machen werden!

Zunächst besuchen wir die Bronzi Dorati: Wijnand führt uns in die angenehm kühl klimatisierte römische Skulpturengalerie und wir sind überwältigt von den überlebensgroßen, goldenen Bronze-Skulpturen, die von einem Podest aus auf uns herunterblicken!

Eine Multimedia-Videopräsentation startet und hinterlässt bei uns mit seinen winzigen Projektionen auf die Statuen, die Bühne und die Wände einen starken Eindruck: es ist, als ob die römischen Statuen zum Leben erwachen und noch einmal erstrahlen können…Auch ohne des Italienischen mächtig zu sein, wird man diese Show genießen!

Besonders die majestätischen Pferde erstrahlen in ihrer ganzen Pracht. Der Künstler, der diese Statuen schuf, zeigte sein ganzes Können in den zahlreichen Details: Bei genauem Hinsehen erkennt man im Kopfschmuck der Pferde Darstellungen aus der römischen Götterwelt wie Jupiter, Venus, Mars, Merkur, Minerva, Juno und Neptun.

Wir sind erstaunt … Wer waren diese zwei Frauen und zwei Männer, die mit so prächtig geschmückten Pferden dargestellt wurden? Wahrscheinlich gehörten sie zur Elite der römischen Gesellschaft, vielleicht ein Senator und ein hoher Armeeoffizier mit ihren jeweiligen Ehefrauen und Müttern. Aber man weiß immer noch nicht, woher die Statuen genau kommen, wo sie standen und wie sie in Cartoceto gelandet sind. Sicher ist, dass sie zertrümmert wurden, bevor sie im Erdreich verschwanden. Internationale Wissenschaftler vertreten unterschiedliche Theorien dazu:

Möglicherweise waren es Mitglieder der kaiserlichen Familie Giulio-Claudia, die in Ungnade gefallen sind und deren Skulpturen daher verschwinden mussten? Oder Darstellungen von Mitgliedern des Hochadels aus der Gegend um Pesaro, die während der Barbareneinfälle versteckt wurden? Oder Statuen, die für ein Municipium (eine römische Stadt) bestimmt waren und während des Transports von Räubern gestohlen und vergraben wurden? Oder Mitglieder der Senatorenfamilie Satrii aus dem nahegelegenen Sentinum, die einst in Rom in Ungnade fielen, und deren Konterfeis daher vernichtet wurden?

Eine von Wijnands Theorien: Vielleicht wurden sie 1861 von der Banda Grossi entdeckt, einer Räuberbande, die sich im Norden der Region Marken aufhielt, und die die Statuen stahlen, für den Transport zerstückelten und vorübergehend unter der Erde versteckten? Denn in der Gegend geht eine Legende vom großen Schatz der Banda Grossi um.

Es bleibt ein modernes Geheimnis!

Noch immer rätselnd, folgen wir Wijnand in den Innenhof zur kontemporanen Auststellung Wil van der Laans …

… wo uns die vergoldete Bronzestatue eines auf seinem Pferd sitzenden Julius Cäser begrüßt!

Für seine Ausstellung arrangierte van der Laan Caesar in der Mitte des Innenhofes, umgeben von den fünf Bronzeköpfen der Kaiser Augustus, Nero, Trajan, Marcus Aurelius und Hadrian.

Die Köpfe werden von einem Naturstein aus Apulien getragen, der im nahegelegenen Acqualagna bearbeitet wurde. Die Säule für Caesar ist aus Kiefernholz, die kaiserlichen Köpfe stehen auf Steineichenholz (Lecce). Die Ausstellung wurde vom Künstler selbst am 26. Juni 2021 eröffnet, dem fünfundsiebzigsten Jahrestag der Entdeckung der wunderschönen römischen Kunstwerke.

Vielen Dank an Wijnand für die interessante Führung durchs Museum!

Wer die Ausstellung besichtigen möchte, kann dies noch bis zum 24. Oktober 2021 von Dienstags bis Sonntags zwischen 10.00 und 12.30 Uhr und von 13.30 bis 18.30 Uhr tun. Montags geschlossen.
Und wenn Ihr schon da seid, unbedingt die Bronzi Dorati besichtigen!

Tipp: Wer mehr über die Geschichte der Bronzi Dorati erfahren möchte, kann sich im Museumsshop das Buch Museo dei Bronzi Dorati e della Città di Pergola. Es enthält neben Abbildungen der Artefakte auch eine englische Übersetzung.


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