Ecco Le Marche

Eine der Aktivitäten, die ich hier in den Marken schätze, sind die vielen Feste, die in den kleinen Ortschaften gefeiert und mit viel Liebe und Einsatz von den Dorfbewohnern auf die Beine gestellt werden. Da ich überdies Artischocken liebe, fuhren wir Anfang Mai 2019 zum Artischockenfest (Sagra del Carciofo) nach Montelupone. Nach einer Corona-Zwangspause findet es dieses Jahr wieder statt und ich kann es nur empfehlen.

Montelupone ist ein kleiner, schöner Borgo in der Provinz Macerata, der weniger als 15 Km vom Meer und von den größeren Orten Macerata, Loreto und Recanati entfernt liegt. Der Name Montelupone (etwa Wolfsberg) und der Wolf im Stadtwappen verweisen auf das Adelsgeschlecht der Luponi, die in der Gegend über mehrere Generationen lebten. Der Ort gehört zu den Borghi più belli d’Italia, den schönsten Ortschaften Italiens und hat vom italienischen Touringclub zudem eine orange Flagge (bandiera arancione) verliehen bekommen, mit der kleine Dörfer mit guter touristischer und umweltfreundlicher Infrastruktur ausgezeichnet werden. Ein Besuch lohnt sich daher auch außerhalb des Artischockenfestes.

Aber das Fest, dass es schon seit 1961 gibt, sollte sich definitiv nicht entgehen lassen, wer Artischocken mag, denn hier aus der Gegend von Montelupone kommt eine ganz besondere Sorte: Die Slow-Food-Organisation hat diese Artischocke, die auch scarciofeno genannt wird, in die Liste der „Presidio Slow Food“ aufgenommen, das sind Lebensmittel aus regionaler, nachhaltiger Erzeugung und besonderer Qualität, die geschützt werden. Die Artischocken aus Montelupone sind nämlich kleiner als die aus der industriellen Landwirtschaft, sie enthalten innen keine Härchen und außen keine Dornen und sie sind weniger ertragreich, aber besonders schmackhaft. Die größeren werden geschmort und frisch verarbeitet, die kleineren in Öl eingelegt oder zu Artischockencreme verarbeitet.

Wir erreichen Montelupone am späten Nachmittag, parken außerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer und gehen durch eines der vier Stadttore, der Porta Ulpiania aus dem 15. Jahrhundert, hinein.

Schon vor der Stadtmauer, aber auch innen, stehen einige Gemüsehändler, die – natürlich – Artischocken aus Montelupone anbieten.

Drinnen schlendern wir zum Zentrum und kommen dabei an allerlei Bauzäunen und abgestützten Häusern vorbei: das Erdbeben von 2016 hat hier einige Spuren hinterlassen. Die Kirche Santa Chiara ist noch wegen der Schäden geschlossen.

An der Piazza del Comune fällt uns direkt der Palazzo dei Priori mit seinen Bogengängen und dem Uhrenturm (Torre Civico) aus dem 14. Jahrhundert auf. Und im Palazzo Comunale befindet sich neben den Gemeindebüros ein schönes Theater aus dem 19. Jahrhundert, das Teatro Nicola degli Angeli. Wir hatten schon früher berichtet, dass es in den Marken besonders viele kleine Theater gibt.

Wir haben aber erstmal Hunger und gehen zum Parco Franchi, in dem ein recht großer Essensstand aufgebaut ist. Zwei moderne Kassentische stehen bereit und die Essensausgabe ist generalstabsmäßig organisiert, denn jede der freiwilligen Helfer:innen gibt nur je eines der verschiedenen Gerichte von der Karte aus. Alle stehen bereit und scheinen nervös auf die Besucher zu warten….

Aber alles ist sehr verwaist und leer!

Erik, der Mann von Mit-Bloggerin Isabelle wird jetzt wieder über uns Deutsche lachen, die wir immer so früh sind, dass wir oft die ersten sind. Heute stört es uns nicht und wir bestellen Artischocken-Quiche, geschmorte Artischocken und eine Grillplatte zum Teilen. Dazu Weißwein, der aus großen Edelstahlgefäßen gezapft wird. So gerüstet finden wir schnell einen Platz im mit Bierbänken ausgestatteten Zelt und genießen unser Essen.

Als wir fertig sind und gehen, sehen wir, dass es eine sehr, sehr gute Idee war, früh essen zu gehen: Inzwischen hatte sich eine enorme Schlange an der Essensausgabe gebildet. Wie fast immer hier in der Gegend sind die hauptsächlich einheimischen Gäste sehr geduldig und so wird ohne Murren und ohne Drängeln gewartet, bis man dran ist. Schließlich geht es meist bei den Festen um einen guten Zweck: die lokalen Vereine verdienen sich oft mit den Essensständen etwas für die Vereinskasse dazu.

Wir machen indes einen kleinen Verdauungsspaziergang entlang hübscher, kleiner Gässchen. Eine Gelateria fällt uns auf, in der es sogar Artischocken-Eis zu essen gibt! Das wollen wir natürlich unbedingt probieren. Der Geschmack ist nicht schlecht, aber auch nicht besonders – die Artischocken-Deko im Eisbehälter dagegen klasse.

Sponsoren des Festes haben Stände oder Infotafeln errichtet, auch das gehört zu vielen Festen dazu: In diesem Fall wird der damals brandneue Suzuki Jimny präsentiert, und in Kooperation mit dem Umweltverband Legambiente weist die Kommune daraufhin, dass hier nur plastikfreies Geschirr zur Verwendung kommt.

Vom Rande des Parkes aus genießen wir den atemberaubenden Ausblick auf die unendlichen Weiten der marchigianischen Hügelchen bis hin zum Monte Conero. Das muss der romantische Dichter Giacomo Leopardi aus dem benachbarten Recanati damals gemeint haben, als er dieser Landschaft mit seinem Gedicht L’Infinito (zu Deutsch etwa: Das Unendliche) ein literarisches Denkmal setzte.

Schließlich gehen wir nochmal zur Piazza del Comune zurück, wo abends noch ein Konzert stattfinden wird, das wir uns aber nicht mehr ansehen, denn wir haben noch eine gute Strecke Fahrt vor uns.

Info und Tipps:

2022 findet das Artischockenfest nach der coronabedingten Pause wieder statt, und zwar am 7. und 8. Mai. Hier findet Ihr das Programm.

Mehr Informationen auf Englisch über die berühmte Artischockenart aus Montelupone inklusive Rezepten und online-Shop findet Ihr zum Beispiel bei diesem lokalen biologischen Händler.

Wer die Artischocken / Carciofi lieber im Restaurant genießen möchte: Einige Restaurants am Ort bieten an den Festtagen spezielle Artischocken-Menüs an, hier einige Beispiele:


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