Ecco Le Marche

Der Santa-Croce-Kirche in Sassoferrato haftet etwas Geheimnisvolles an: Es wird ihr nachgesagt, dass sie an einem sogenannten Kraftort, einem „erhabenen“ Ort, steht, der mit besonderen Energien ausgestattet ist, die heutzutage sogar messbar sein sollen. Ich sehe solche Theorien etwas skeptisch; allerdings muss ich zugeben, dass die Kirche sehr ungewöhnlich ist und der Ort sowohl bei Römern als auch Jahrhunderte später bei Templern besondere Aufmerksamkeit erfuhr.

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass Santa Croce strategisch wichtig an der römischen Protoflaminia-Straße lag, die vom frührömischen Senigallia bis nach Rom führte. Diese wurde im Mittelalter auch als Pilgerweg von Rom nach Ancona und damit Richtung Heiliges Land genutzt.

Besuch der Kirche am Tag des offenen Denkmals.

Isabelle und ich konnten Santa Croce letztes Jahr an einem der FAI-Tage (Tage des offenen Denkmals) besichtigen:

Wir erreichten die Kirche über eine enge, unbefestigte Straße und konnten auf einer kleinen Wiese parken, die sie extra für diesen Tag geöffnet hatten. Und trotz des nahenden Mittags warteten noch viele Interessierte auf Einlass. Die Führung wurde, wie es bei den FAI-Tagen häufig vorkommt, von Schülern durchgeführt – eine sehr schöne Idee!

Von außen wirkte Santa Croce trotz ihrer Größe eher unspektakulär. Die Fassaden waren hoch und massiv, und außer dem aufwendigen Eingangsportal gab es nur wenige Verzierungen. Das lag daran, dass die Kirche im 16. Jahrhundert von einem Klosterkomplex komplett zugemauert wurde. Die Kirche samt Außenansicht der Apsis befindet sich dadurch innen!

Geschichte und Geheimnisse von Santa Croce.

In der unmittelbaren Nachbarschaft der Kirche befand sich bereits seit 283 v. Chr. eine römische Kolonie, die wegen ihrer Lage am Fuße des Appenin und direkt an der Protoflaminia, strategisch sehr wichtig war. Einige Jahre vorher, im Jahre 295 v. Chr., fand ganz in der Nähe die gewaltige Schlacht von Sentinum statt, bei der die Römer die dortigen Völker der Samniten und gallischen Sennonen unterwarfen.

Und so befand sich unter der christlichen Kirche Santa Croce vermutlich früher ein sehr alter, römisch-heidnischer Tempel, der dem Gott Mithras gewidmet war. Mithras war ein römischer Sonnengott, doch die Ursprünge seiner Verehrung sind noch viel älter und stammen aus dem indisch-iranischen Raum. Es war ein reiner Männerkult und die Mitglieder, oft Legionäre, waren zu Stillschweigen verpflichtet. Hier fangen also schon die Geheimnisse des Ortes an! An der Rückseite der Apsis von Santa Croce, die sich im Inneren des Klosterkomplexes befindet, sieht man menschliche Gesichter in Form von Sonne und Mond. Die Forscher sehen darin einen versteckten Verweis auf den ehemaligen Mithras-Tempel.

Die Santa-Croce-Kirche wurde im 12. Jahrhundert erbaut, was in einer Textstelle in den Annales Camaldolensius, den Jahrbüchern der Camaldolenser-Mönche aus der Zeit, belegt ist. Die Mönche, deren Orden sich in ganz Mittelitalien ausbreitete, befanden sich auch unter den Baumeistern und legten selbst Hand an. Dabei sollen sie unter anderem Steine des nahegelegenen Sentinum benutzt haben. Unterstützung erhielten die armen Mönche durch die Dynastie der Grafen Atti, die aus Todi stammte und sich um 1150 in der Gegend um Santa Croce niederließ. Der Familiengründer, Attone I., war Großgraf von Umbrien und Bischof von Todi. Also ein mächtiger Mann.

Bemerkenswert ist, dass den Grafen Atti auch 3 weitere Kirchen der Gegend zugeschrieben werden, die ebenfalls geheimnisumwittert sind: San Claudio in Chienti, San Vittore delle Chiuse und Santa Maria delle Moie. Alle drei werden ebenfalls als Templerkirchen bezeichnet und ähneln sich in ihrem griechischen Kreuzgrundriss, wie er in byzantinischen Kirchen üblich war. Wir wissen, dass sich auch Karl der Große für die byzantinischen Bauweisen interessierte.

Templer des 12. Jahrhunderts, Karl der Große aus dem 9. Jahrhundert sowie die mächtigen Grafen Atti, die geheimnisvolle Kirchen in der Gegend bauen – hier wirbelt für meine Ansicht einiges durcheinander! Und so nimmt es auch kein Wunder, dass wir unter den Besuchern in Santa Croce auf Leute treffen, die uns verschwörerisch von der Präsenz Karls des Großen in den Marken erzählen. Auf die Erzählung sind wir schon öfters gestoßen und berichteten darüber in unserem Artikel über San Claudio.

Aber weiter im Text: Im 14. Jahrhundert meinte es die Inquisition gar nicht gut mit Santa Croce, mit den Grafen Atti und mit den Templern, die hier zweifelsohne großen Einfluss hatten. Im Jahre 1310 markierte ein Inquisitionsbefehl erst einmal das Ende vom Kloster. 1312 löste Papst Clemens V. den Templerorden auf und verfolgte, verhaftete und tötete zusammen mit König Philipp IV. deren Mitglieder. Einige Jahre später, im Jahre 1333, wurde Santa Croce dem Johanniter-Orden zugewiesen, um dort ein Krankenhaus für Pilger einzurichten. Denn die Johanniter beerbten den reichen Templerorden in weiten Teilen Europas.

Nach einer Blütezeit vom 13. bis 15. Jahrhundert, verfallen Kloster und Kirche im 16. Jahrhundert, weil sie vom Papst unter die Verwaltung verschiedener weltlicher Verwalter gestellt wird. Erst 1610, unter Papst Paul V., wurde das Kloster wieder dem Kamaldulenserorden anvertraut, der es bis ins frühe 20. Jahrhundert behielt und dann mangels Nachwuchs schloss und verkaufte.

Welche Hinweise haben wir auf die Präsenz der Templer in Santa Croce?

Die ehemalige (und gegenwärtige) Präsenz der Templer ist in der Kirche nicht zu übersehen. Das fängt mit dem Namen der Kirche, „Santa Croce“ – Heiliges Kreuz, an. Die markanten Templerkreuze finden sich an vielen Stellen; einige in Stein gehauen, andere aufgemalt. Es sind gleichschenklige Kreuze, die oft an ihren Enden verbreitert sind:

Typisch für Templersymbolik soll auch sein, dass viele Skulpturen dualistisch dargestellt sind: So finden wir paarweise dargestellte Tierfiguren und Drachen.

Ein Säulenkapitell stellt die Kreuzigungsszene dar. Christus ist dabei nicht mit übereinandergelegten Füßen ans Kreuz genagelt, sondern mit nebeneinander befindlichen. Auch dies ist eine Darstellungsart, wie sie den Tempelrittern zugeordnet wird.

Kreuzigungsszene

Im Eingangsportal sehen wir nicht nur die typischen Tempelritterkreuze, sondern an den Säulen rechts und links auch eingemeißelte Löwen, die auf insgesamt 7 Schlangenköpfen stehen. Die Zahl Sieben, generell in der katholischen Kirche häufig vorkommend, ist bei den Templern noch stärker in ihren Ritualen präsent (sieben Ebenen der Erkenntnis, sieben Stundengebete).

Und auch in unserer heutigen Zeit meldet die Nachfolgeorganisation der katholischen Templer (die nicht vom Papst anerkannt ist) Anspruch auf die templerischen Ursprünge von Santa Croce: Im Dezember 2011 fand zur Wintersonnenwende eine große Versammlung des inzwischen von der Kirche anerkannten Ordens in Santa Croce statt, bei der auch neue Ritter ernannt wurden.

Dabei sind dies nur einige Beispiele der geheimnisvollen Kirche Santa Croce; wer sie besichtigt, entdeckt an fast jeder Ecke etwas Interessantes.

Wir lassen die Informationen aber erst einmal bei Euch einwirken, denn wir haben noch gar nicht über die ungewöhnliche Architektur im Innenraum und die Fresken und Bilder gesprochen. Diese werden wir in einem weiteren Artikel vorstellen, denn sie sind es wert, eigene Aufmerksamkeit zu erhalten.

Santa Croce: Praktische Informationen.

Hier findet Ihr die Google-Maps-Koordinaten von Santa Croce: Koordinaten.

Die Kirche ist meist geschlossen, außer zu den Messen (laut Information der Comune um 7 Uhr an Werktagen, um 7:30 an Sonn- und Feiertagen).

Darüber hinaus bestätigte mir das Tourismusbüro von Sassoferrato, dass man die Kirche auch sonntags nachmittags um 15 Uhr besichtigen könne.

Für außerordentliche Termine, zum Beispiel für Gruppen, könnt Ihr Euch an das Tourismusbüro wenden:

Oder an den Pro Loco Sassoferrato: prosassoferrato@gmail.com, Telefon: 328 9066216


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