Ecco Le Marche

Heute kehren wir noch einmal nach Fratte Rosa zurück, dem liebenswürdigen kleinen Dorf auf dem Berg mit seinem wunderschönen Rundum-Blick über die gesamte Region. Dieses Mal wollen wir über die Verbundenheit der Einwohner mit ihrer Erde berichten:

Denn die Erde der Umgebung von Fratte Rosa ist seit Urzeiten die Grundlage der Töpfer-Tradition in Fratte Rosa. Der lehmhaltige, klebrige Boden ist zwar ein Problem für die Landwirtschaft, aber ideal für die Terrakotta-Produktion, die die Bewohner über Generationen erlernten und verfeinerten. So gab es zum Beispiel in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts über ein Dutzend Keramikbetriebe und vaserie (Vasen Werkstätten).

2 Generationen bei der Arbeit – Fotos aus der Werkstatt von Gaudenzi

Die Formen der Terrakotta-Keramik waren vielfältig (und sind es noch heute!): von Tischgeschirr, Amphoren für den Garten, Krügen, Bechern, Töpfen bis hin zu kleinsten Objekten für das Puppenhaus.

Besonders typisch für Fratte Rosa sind die Schweinchen: Töpfe, in denen man fettarm und schonend im Ofen garen kann – niedliche Dekoration und gleichzeitig sinnvolles Kochgeschirr! Die mitgelieferten Rezepte beschreiben vor allem schonend gegartes Fleisch, aber auch reine Gemüse- oder Kartoffelgerichte.

Giovanna Baldelli, selber Keramikkünstlerin, die einen kleinen Laden mit ihrer dekorativen Keramik im Ortszentrum unterhält, begleitete uns gleich zu 3 verschiedenen Töpferwerkstätten, um uns zu zeigen, wie die Terrakotta-Artefakte entstehen.

Als erstes besuchten wir Giacomo Bonifazi.

Seine Laden ist direkt über seiner Werkstatt und so konnten wir, nachdem wir uns zuerst die Ausstellung angesehen hatten, hinuntergehen und den Meister bei der Arbeit beobachten.

Dazu brauchte er zunächst ein ordentlich großes Stück Ton. Giacomo verwendet im Prinzip zweierlei Ton-Sorten: Argilla, die recht fest und dicht ist und sich gut für Gefäße wie Wasserkrüge eignet und Creta, die porös und daher gut für Keramiktöpfe ist, die hohen Temperaturen ausgesetzt werden sollen.

Nachdem er sich für eines der Materialien entschieden hatte, warf er es mit Schwung in eine Art überdimensionale Knetmaschine, die das Material geschmeidig knetete, etwaige Luftbläschen heraus drückte und schließlich eine Rolle formte, die weiter modelliert werden konnte.

Als nächstes kam der Ton auf die Töpferscheibe, wo sowohl Talent als auch Erfahrung nötig waren: bevor er anfing, musste Giacomo eine genaue Vorstellung haben, welche Form er erschaffen wollte. Nachdem er die Hände befeuchtet hatte, begann er, eine wunderschöne Vase zu modellieren.

Nun musste die Vase eine ganze Weile trocknen, bevor sie gebrannt werden konnte. Die Brennzeit im Ofen hängt später davon ab, ob sie eine sogenannte biscotto Oberfläche haben soll, bei dem das Objekt unglasiert bleibt und die typische Terrakotta Farbe erhält, oder ob sie abschließend noch glasiert werden soll.

Nach Giacomos spannender Vorführung fuhren wir zur Werkstatt von Daniele Giombi in einem kleinen, sehr schönen Weiler ausserhalb des Ortes. Auch er gab uns eine Vorführung seiner Ton-Technik an der Töpferscheibe.

Wir erfuhren, dass Fratte Rosa nicht nur für die Schweinchen-Töpfe bekannt ist, sondern dass sie hier auch sehr stolz auf die dunkle Glasur sind, deren Zusammensetzung ein streng gehütetes Geheimnis ist. Tatsächlich, so sahen wir in Danieles Ausstellung, ist die glänzende Glasur auberginen-farbig, fast schwarz und zeigt je nach Lichteinfall verschiedene Chrom-Effekte. Fantastisch und in Natura noch viel schöner als auf den Fotos hier unten:

Sowohl Giacomo als auch Daniele hatten ihr Handwerk in der traditionsreichen Werkstatt von Fabiani-Gaudenzi gelernt, die zu der Zeit die älteste am Ort war. Sie meinten, der Meister hätte ihnen die Rezeptur der Glasur nicht verraten, sondern sie selber experimentieren lassen und irgendwann gesagt „jetzt habt ihr es!“. Natürlich bewahren die beiden ihr Geheimnis der Rezeptur; selbst die eigenen Familienmitglieder seien nicht eingeweiht, bekräftigten sie.

Giacomo und Daniele als junge Auszubildende in der Gaudenzi-Werkstatt

Das war kaum zu überbieten, dachten wir. Aber Giovanna brachte uns schließlich noch zur neuen Gaudenzi-Werkstatt, in der Beatrice die Töpfer-Tradition ihrer Familie übernommen und erneuert hat: Neben den traditionellen Objekten experimentiert sie mit neuen Farben und modernen Formen. Ihre Ausstellung war in einem sehr liebevoll restaurierten Ladenlokal in der alten Stadtmauer untergebracht.

Sie bot an, uns mit zur ehemaligen Werkstatt ihres Großvaters zu nehmen, und das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen!

In einem dunklen, fensterlosen Raum am Ende der Werkstatt wird der Roh-Ton gelagert, der noch immer in der Umgebung gewonnen wird. Dieser muss als erstes von Fremdstoffen gesäubert und weiter verarbeitet werden. Dazu gibt es alte Filter und allerlei Maschinen, die wohl alle noch funktionstüchtig sind. Eine alte Urkunde erwähnt, dass die Werkstatt im Jahre 1730 gegründet und seitdem ununterbrochen betrieben wurde!

Die Terrakotta-Traditionen sind in Fratte Rosa immer noch lebendig und es gibt viele Möglichkeiten, sie zu erkunden. Giovanna und die Kunsthandwerker aus Fratte Rosa bieten verschiedene Töpferkurse und Führungen an. Es gibt dazu einige Veranstalter, so zum Beispiel „Marchecraft„, deren Engagement und deren Palette von Veranstaltungen uns immer sehr gefällt. Oder einfach Fratte Rosa googeln oder im Facebook Profil von „Fratte Rosa“ stöbern. Aber man kann natürlich auch einfach nur hinfahren und die Läden besichtigen oder sich ein handgefertigtes Terrakotta-Objekt kaufen!

Ein Schild in der Werkstatt weist darauf hin, dass die Unregelmäßigkeiten der Objekte ein Vorzug und kein Fehler sind.

Ich war inzwischen noch einmal dort, um ein Geschenk für eine Freundin besorgen, aber ich muss wohl ein weiteres Mal hin, um mir so eine Schale mit der geheimnisvollen schwarzen Glasur zu kaufen …

Hier noch ein kleines Video unserer Eindrücke:


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